Westerwälder Steinzeug: Geschichte, Salzglasur und das typische Blau
Westerwälder Steinzeug ist hellgraues, salzglasiertes Steinzeug mit Bemalung in Kobaltblau, das seit dem späten 16. Jahrhundert im Kannenbäckerland rund um Höhr-Grenzhausen entsteht. Hier lesen Sie, wie die Salzglasur funktioniert, woher das typische Blau kommt, welche Formen und Dekore es gibt und woran Sie alte Krüge und Kannen erkennen und zeitlich einordnen.
Was ist Westerwälder Steinzeug?
Westerwälder Steinzeug ist ein hart gebranntes, dichtes Steinzeug aus hellgrau brennendem Ton, das mit Salz glasiert und meist mit Kobaltblau bemalt ist. Hergestellt wird es im Kannenbäckerland im Westerwald (Rheinland-Pfalz), traditionell bei etwa 1250 °C im Holzfeuer. Typisch sind:
- ein hellgrauer Scherben aus feinem, gleichmäßigem und eisenarmem Ton
- eine dünne, glänzende Salzglasur mit leicht genarbter Oberfläche
- Bemalung in Kobaltblau, ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts oft ergänzt durch Manganviolett
- Dekore aus aufgelegten Reliefs, eingeritzten Linien und Stempeln
- Formen für den Alltag: Krüge, Kannen, Humpen, Becher, Vorrats- und Einmachtöpfe
Weil Steinzeug bei 1200–1300 °C sintert, ist der Scherben auch ohne Glasur wasserdicht. Wie es sich von Steingut und Porzellan unterscheidet, erklärt der Ratgeber Was ist Keramik?.
Das Kannenbäckerland: Ton, Orte und Name
Das Kannenbäckerland reicht von Wirges im Westerwald bis an den Mittelrhein bei Bendorf und Vallendar. Zentren der Keramik sind Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach, dazu Orte wie Hilgert, Hillscheid, Mogendorf und Siershahn. Die Gegend besitzt Tonvorkommen, die als die größten Europas gelten; die Tone entstanden vor rund 30 Millionen Jahren und wurden schon in der Eisenzeit genutzt.
Kannenbäcker hießen die Töpfer, die Kannen und Krüge „backten“ – also brannten. Die Bezeichnung war nur hier und im Raum südlich von Köln üblich, andernorts sagte man Dippemacher oder Hafner; im Westerwald selbst ist auch „Euler“ gebräuchlich. Der älteste urkundliche Beleg für Töpferöfen in Höhr stammt von 1402.
Geschichte in Daten
| Zeit | Was geschah |
|---|---|
| um 750–450 v. Chr. | Kelten nutzen Westerwälder Ton, archäologisch belegt |
| 1402 | ältester urkundlicher Beleg für Töpferöfen in Höhr |
| Mitte 15. Jahrhundert | Salzglasur im Westerwald nachweisbar, zunächst braun |
| 1580er- und 1590er-Jahre | Töpferfamilien aus Siegburg und Raeren ziehen zu, darunter Knütgen und Mennicken; um 1590 kommt das Kobaltblau in den Westerwald |
| 1643 | gemeinsame Zunftordnung für alle Westerwälder Steinzeugtöpfer |
| 2. Hälfte 17. Jahrhundert | Manganviolett ergänzt das Blau; Sternenkanne und Humpen werden typisch |
| 1771 | Höhepunkt der Zunft mit rund 600 Meistern in 23 Orten |
| 2. Hälfte 19. Jahrhundert | Historismus: Renaissanceformen in Serie, dazu Bembel, Milchtöpfe und Vorratsgefäße; ab 1884 Bahnanschluss |
| 1879 | Gründung der Keramik-Fachschule in Höhr-Grenzhausen |
| um 1900 | Jugendstil-Entwürfe, unter anderem von Henry van de Velde und Peter Behrens |
| 1973 und 1976 | Westerwaldpreis für Keramik gestiftet; Gründung des Keramikmuseums Westerwald |
Mit den Zuwanderern aus Siegburg und Raeren kamen Formen, Matrizen für Reliefauflagen und das Wissen um das Kobaltblau. Ab dem 17. Jahrhundert wurde Westerwälder Ware in großen Mengen in ganz Europa gehandelt. Die Erfindung des europäischen Porzellans 1709 nahm dem Steinzeug zwar seine Rolle an den Fürstenhöfen, im Alltag blieb es aber für Krüge, Vorratstöpfe und Flaschen unverzichtbar.
Wie entsteht eine Salzglasur?
Bei der Salzglasur wird die Glasur nicht vorher aufgetragen, sondern entsteht erst im Ofen:
- Die bemalten, getrockneten Gefäße kommen unglasiert in den Ofen.
- Bei etwa 1200–1300 °C wirft der Brennmeister Kochsalz in die Feuerung.
- Das Salz verdampft. Das Natrium verbindet sich mit der Kieselsäure im Ton zu einer dünnen, glasigen Schicht aus Natrium-Aluminium-Silikat.
- Weil der Dampf überall hinkommt, wo Flammen hinziehen, überzieht die Glasur auch Reliefs und Ritzlinien gleichmäßig, ohne sie zuzuschmieren.
Typisch ist eine leicht genarbte Oberfläche, die an Orangenhaut erinnert. Beim Salzen entweicht Chlor als Salzsäuredampf; heutige Werkstätten reinigen deshalb die Abgase oder weichen auf den Sodabrand aus, der ähnliche Oberflächen erzeugt. Weitere Glasurarten von Seladon bis Ascheglasur beschreibt der Ratgeber Glasurarten.
Kobaltblau und Manganviolett: die typischen Farben
Das Blau stammt aus Kobaltverbindungen, die vor dem Brand mit dem Pinsel auf den getrockneten Scherben gemalt werden. In Köln war Kobaltblau auf Steinzeug schon um 1520 bekannt, in Raeren experimentierte Jan Emens Mennicken ab 1584 damit, in Siegburg Anno Knütgen ab 1587. Um 1590 setzte es sich im Westerwald durch und wurde zum Markenzeichen: Blau auf Grau.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam Manganviolett hinzu, ein gedecktes Lila bis Braunviolett aus Manganoxid. Die Kombination aus Blau und Violett ist typisch für den Barock und wurde das ganze 18. Jahrhundert verwendet. Im 19. Jahrhundert kam elfenbeinfarbenes Steinzeug hinzu, um 1900 auch farbige Glasuren wie das Chinarot der Firma Hanke.
Typische Formen und Dekore
| Form | Kennzeichen | Zeit |
|---|---|---|
| Trichterhalsbecher | Becher mit trichterförmigem Hals, aus Siegburg mitgebracht | bis ins späte 17. Jahrhundert |
| Kruke | vier- oder mehrkantige Flasche mit Schraubverschluss | ab Anfang des 17. Jahrhunderts |
| Sternenkanne und Ringkanne | typische Kannenform des Hochbarock; die Ringkanne als Variante mit ringförmigem Hohlkörper | ab der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts |
| Humpen | zylindrisches Trinkgefäß mit Henkel, oft mit Zinndeckel | ab dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, bis heute |
| Senf- und Einmachtöpfe, Teller, Schreibzeuge | Gebrauchsware für Küche und Kontor | 18. Jahrhundert |
| Bembel | bauchiger Krug für Apfelwein, vor allem für den Raum Frankfurt | 19. Jahrhundert bis heute |
- Auflagen: Reliefs, die in Matrizen geformt und auf das lederharte Gefäß gesetzt wurden – das frühe Dekor im rheinischen Stil.
- Ritzdekor: ab dem späten 17. Jahrhundert eingeritzte Linien, die die Bemalung umranden.
- Knibis: im 18. Jahrhundert mit einem Holz eingeritzte Zickzacklinien und Blüten.
- Medaillons mit Herrscherbildnissen, etwa Wilhelm III. von England für den englischen Markt oder Ludwig XIV. von Frankreich.
- Motive für den heimischen Markt: Rosetten, Löwenköpfe, Engel und Sterne.
Alte Stücke erkennen und datieren
Eine sichere Datierung gelingt nur Fachleuten mit dem Stück in der Hand. Diese Merkmale helfen bei einer ersten Einordnung:
- Farben: nur Blau spricht eher für das späte 16. oder frühe 17. Jahrhundert oder für spätere einfache Gebrauchsware; Blau mit Manganviolett deutet auf die Zeit ab etwa 1650.
- Dekor: Reliefauflagen im Renaissancestil sind früh, Ritzdekor und Knibis typisch für das späte 17. und das 18. Jahrhundert, einfache gemalte Muster für das späte 18. Jahrhundert und später.
- Gleichmäßigkeit: ganz identische Formen und scharf ausgeformte Reliefs sprechen für Serienware des Historismus oder des 20. Jahrhunderts.
- Abnutzung: echter Abrieb sitzt am Standring und an den Henkelkanten, nicht gleichmäßig auf der ganzen Fläche.
- Marken: ältere Stücke tragen meist keine Marke; Firmenstempel kommen ab dem 19. Jahrhundert vor, die Aufschrift „West Germany“ verweist auf die Zeit zwischen 1949 und 1990.
- Zinndeckel: Punzen auf dem Zinn können eine Werkstatt und Zeit verraten – der Deckel kann aber später ergänzt worden sein.
Bei vermeintlich alten Stücken lohnt der Rat eines Museums oder Auktionshauses. Wie Bodenmarken grundsätzlich gelesen werden, zeigt der Ratgeber Porzellanmarken erkennen.
Höhr-Grenzhausen: Keramik heute erleben
Höhr-Grenzhausen nennt sich bis heute Kannenbäckerstadt. Grau-blaues Steinzeug wird hier weiterhin hergestellt, daneben arbeiten Werkstätten mit ganz eigenen Handschriften. Die Hochschule Koblenz bildet am WesterWaldCampus in künstlerischer Keramik und Werkstofftechnik aus, eine Fachschule unterrichtet Keramikgestaltung. Für Besucherinnen und Besucher lohnen sich:
- das Keramikmuseum Westerwald mit der Geschichte des Steinzeugs und zeitgenössischer Keramik – mehr im Ratgeber Keramikmuseum Westerwald
- der jährliche Keramikmarkt im Juni, einer der größten in Deutschland, und der Europäische Töpfermarkt in Ransbach-Baumbach – siehe Töpfermärkte in Deutschland
- das private Museum in einem der letzten erhaltenen Kannenöfen, einem technischen Denkmal
- Wanderungen im Brexbachtal und zur Burg Grenzau
Steinzeug im Alltag: Bembel, Gärtopf und Krug
Dichtes Steinzeug ist bis heute das Material der Wahl für Gefäße, die lange halten sollen: Bembel für Apfelwein, Gärtöpfe für Sauerkraut, Rumtöpfe, Wasserkrüge. Neue Stücke reinigen Sie nach Herstellerangabe; alte Krüge, Stücke mit Zinndeckel und Sammlerware spülen Sie von Hand und lassen sie offen trocknen. Wie Sie Sauerkraut im Steinzeugtopf ansetzen, erklärt der Ratgeber Sauerkraut im Gärtopf.
Wer das klassische Blau auf dem Tisch mag: Unsere Glasur Kobaltblau greift den Farbton auf, etwa beim Wasserkrug 1 l oder beim Flachen Teller Fjord 28 cm. Eine Salzglasur verwenden wir nicht – unsere Stücke werden von Hand im Tauchverfahren glasiert, deshalb verläuft die Glasurkante bei jedem Exemplar ein wenig anders.
Häufige Fragen
Was ist Westerwälder Steinzeug?
Hellgraues, salzglasiertes Steinzeug mit Bemalung in Kobaltblau und oft Manganviolett, das seit dem späten 16. Jahrhundert im Kannenbäckerland rund um Höhr-Grenzhausen hergestellt wird.
Warum ist Westerwälder Steinzeug blau?
Das Blau stammt aus Kobaltverbindungen, die vor dem Brand auf den grauen Scherben gemalt werden. Um 1590 brachten zugewanderte Töpfer aus Raeren und Siegburg die Technik in den Westerwald.
Was ist eine Salzglasur?
Eine Glasur, die im Ofen entsteht: Bei etwa 1200–1300 °C wird Kochsalz in die Feuerung geworfen, das Natrium verbindet sich mit dem Ton zu einer dünnen, glänzenden Schicht.
Wo liegt das Kannenbäckerland?
Im Westerwald in Rheinland-Pfalz, zwischen Wirges und dem Mittelrhein bei Bendorf und Vallendar. Zentren sind Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach.
Wie alt ist mein Westerwälder Krug?
Hinweise geben Farben, Dekor, Gleichmäßigkeit, Abnutzung und Marken: Manganviolett etwa deutet auf die Zeit ab 1650, „West Germany“ auf 1949 bis 1990. Sicher datieren können nur Fachleute.
Ist Westerwälder Steinzeug spülmaschinenfest?
Neue Stücke sind es oft, maßgeblich ist die Herstellerangabe. Alte Krüge, Stücke mit Zinndeckel und Sammlerstücke spülen Sie besser von Hand.
Was bedeutet Kannenbäcker?
So hießen die Töpfer im Westerwald, die Kannen und Krüge brannten – „backten“. Davon hat das Kannenbäckerland seinen Namen.







