Fat Lava Keramik der 60er und 70er erkennen: Scheurich, Bay, Jasba
Fat Lava Keramik ist der Sammlername für westdeutsche Zierkeramik der Nachkriegsjahrzehnte – vor allem Vasen und Krüge mit dicken, reliefartigen Glasuren, die wie erkaltete Lava wirken. Hier erfahren Sie, wie Sie Hersteller wie Scheurich, Bay oder Jasba an Bodennummern erkennen, was die Zahlen bedeuten, was den Wert einer Vase bestimmt und wie Sie die Stücke pflegen und in Szene setzen.
Was ist Fat Lava Keramik?
Fat Lava bezeichnet streng genommen eine Glasurart: dicke, blasige oder kraterartige Glasuren mit lavaähnlicher Oberfläche. Im Handel steht der Begriff meist für die gesamte westdeutsche Zierkeramik der Jahre 1949 bis 1990, im Englischen West German Pottery genannt.
Die Blütezeit lag in den 1950er bis 1970er Jahren. Mehr als 100 Keramik- und Porzellanbetriebe sowie Studiokeramiker waren beteiligt. Sie stellten vor allem einzelne Zierstücke her – Vasen, Krüge und Schalen –, kaum Geschirr. Typisch sind schlichte Grundformen, die mit mehreren, oft dicken Glasuren überzogen sind. Die Farben wirken eher geflossen oder gestrichen als exakt gemalt; Figuren und Motive sind selten, und wenn, dann meist Pflanzen.
| Merkmal | Typisch für Fat Lava und West German Pottery |
|---|---|
| Zeitraum | 1949–1990, Blütezeit 1950er bis 1970er Jahre |
| Formen | Vasen und Bodenvasen, Krüge, Schalen |
| Glasuren | dick, reliefartig, mehrfarbig, oft mit Lava- oder Kratereffekt; daneben glatte Glanz- und Mattglasuren |
| Farben | mehrere Farben pro Stück, oft kräftig und kontrastreich |
| Herstellerangabe | meist nur auf einem Papieretikett, das heute oft fehlt |
| Bodenmarke | „W. Germany“ oder „West Germany“ mit Form- und Höhennummer |
Populär wurde der Name durch eine Ausstellung in Großbritannien: 2006 zeigte Graham Cooley im King's Lynn Arts Centre die Ausstellung „Fat Lava: West German Ceramics of the 60s & 70s“. Händler nutzten den Begriff schon vorher. Seit Mitte der 1990er Jahre interessieren sich Sammler zunehmend für die Stücke; das Buch „Fat Lava“ von Mark Hill wurde mehrfach überarbeitet und erschien 2021 auch auf Japanisch.
Bodennummern lesen: So erkennen Sie den Hersteller
Weil die Etiketten mit dem Firmennamen meist verloren sind, ist der Boden oft der einzige Hinweis. Die häufigste Form der Bodenmarke ist „W. Germany“, gefolgt von zwei Zahlen:
| Auf dem Boden | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| „W. Germany“ oder „West Germany“ | hergestellt in der Bundesrepublik zwischen 1949 und 1990 | — |
| erste Zahl | Formnummer des Herstellers | 242 bei einer Vase von Scheurich |
| zweite Zahl | Höhe in Zentimetern | 242-22: Form 242, 22 cm hoch |
| Zahlenpaar ohne Firmennamen | Zuordnung nur über Formnummer, Höhe und Glasur | 523-20 bei einer Vase von Bay |
| Etikett oder Klebereste | Firmenname, manchmal Dekorname | Etikettreste nicht abwaschen |
So gehen Sie beim Bestimmen vor:
- Messen Sie die Höhe nach: Stimmt sie mit der zweiten Zahl überein, haben Sie Form- und Höhennummer richtig gelesen.
- Notieren Sie Zahlen, Schreibweise und Anordnung der Marke genau – Hersteller nutzten unterschiedliche Nummernsysteme.
- Vergleichen Sie Form und Glasur mit Abbildungen in der Fachliteratur, etwa Mark Hills „Fat Lava“ oder den Büchern von Horst Makus, die die Zeit bis etwa 1962 abdecken. Für Bay gibt es das Buch „50 Jahre Bay-Keramik“ von 1983.
- Prüfen Sie das Innere: Ist die Vase innen glasiert, und ist die Glasur unbeschädigt?
- Bleiben Sie vorsichtig mit Zuschreibungen: Ähnliche Formen gab es bei mehreren Herstellern. „Vermutlich Scheurich“ ist ehrlicher als eine falsche Gewissheit.
Wie Sie Marken von Porzellan- und Keramikherstellern allgemein lesen, zeigt der Ratgeber Porzellanmarken erkennen.
Scheurich Keramik: Vasen aus Kleinheubach
Scheurich gilt als einer der produktivsten Hersteller westdeutscher Zierkeramik. Das Unternehmen in Kleinheubach am Main begann 1928 als Großhandel für Glas und Porzellan, gegründet von Alois Scheurich und Fridolin Greulich. 1954 nahm die Scheurich KG Keramikfabrik mit dem ersten elektrischen Tunnelofen die eigene Keramikproduktion auf.
In den 1950er Jahren waren unter anderem Tierfiguren mit eingebauter Uhr beliebte Geschenkartikel. Für die 1970er Jahre beschreibt das Unternehmen selbst „kraftvolle Farben und lavaartige Glasuren“ als typisch – genau die Vasen, die heute als Scheurich Keramik gesammelt werden. Die Bodenmarke folgt meist dem Schema „W. Germany“ mit Form- und Höhennummer.
Scheurich besteht bis heute und stellt vor allem Übertöpfe und Pflanzgefäße her. Alte Scheurich-Vasen erkennen Sie deshalb nicht am heutigen Sortiment, sondern an Bodennummer, Form und Glasur.
Bay Keramik: Vasen, Designer und der Römertopf
Bay-Keramik wurde 1933 von Eduard Bay (1909–1978) in Ransbach im Westerwald gegründet. Zunächst entstand Terrakotta, ab 1936 glasierte Keramik – Zier- und Gebrauchskeramik.
- In den 1950er Jahren war Josef Koch für die Entwürfe verantwortlich.
- Bodo Mans (1935–2001) folgte ihm als Entwerfer: ab 1960 als freier Mitarbeiter, ab 1962 fest angestellt.
- 1966 erfand Franz Peter Münch, Schwiegersohn von Eduard Bay, den Römertopf, der 1967 auf der Hannover Messe vorgestellt wurde.
- 1998 wurde die Produktion eingestellt; die Markenrechte am Römertopf waren bereits 1997 verkauft worden.
Für die Suche nach einer Bay Keramik Vase gilt dasselbe wie bei Scheurich: Formnummer und Höhe auf dem Boden notieren, dann mit Abbildungen vergleichen. Ein Beispiel ist die Bodenmarke 523-20 – Form 523, 20 cm hoch.
Jasba, Ruscha, Carstens und weitere Hersteller
Mehrere bekannte Betriebe saßen im Westerwald, darunter Bay und Jasba. Ransbach-Baumbach, 1969 aus den Gemeinden Ransbach und Baumbach entstanden, liegt im Zentrum des Kannenbäckerlands und versteht sich bis heute als Zentrum der Keramik. Mehr zur Keramiktradition der Region lesen Sie im Beitrag Westerwälder Steinzeug.
| Hersteller | Gut zu wissen |
|---|---|
| Jasba | 1926 von Jakob Schwaderlapp in Baumbach gegründet; der Name setzt sich aus Gründer und Ort zusammen. Zunächst Zier- und Gefäßkeramik, ab Ende der 1950er Jahre glasierte Mosaike, heute Fliesen. |
| Carstens Tönnieshof | zählt neben Scheurich, Bay, ES-Keramik und Dümler & Breiden zu den produktivsten Herstellern |
| Dümler & Breiden | ebenfalls einer der großen Produzenten |
| ES-Keramik (Emons & Söhne) | ebenfalls einer der großen Produzenten |
| Ruscha, Roth, Otto, Marei, Steuler | weitere bekannte Namen der West German Pottery |
| Hutschenreuther | auch der Porzellanhersteller war mit Keramik unter dem Namen Ilkra Edelkeramik vertreten |
| Karlsruher Majolika | Kunstkeramik-Manufaktur aus Karlsruhe |
Auch in der DDR entstand vergleichbare Zierkeramik, etwa bei VEB Haldensleben und in Strehla. Mehr dazu im Ratgeber DDR-Porzellan und -Keramik; zur Porzellanmarke Hutschenreuther lesen Sie den Beitrag Hutschenreuther.
Was ist eine Fat-Lava-Vase wert?
Eine Preisliste gibt es nicht, und die Spanne ist groß: Viele Serienvasen werden auf Flohmärkten und in Kleinanzeigen oft günstig angeboten, gesuchte Formen und Glasuren erzielen bei spezialisierten Händlern und Auktionen deutlich mehr. Diese Faktoren entscheiden:
| Faktor | Spricht für einen höheren Preis | Spricht für einen niedrigeren Preis |
|---|---|---|
| Glasur | dicke Lava- oder Kraterglasur, ungewöhnliche Farbkombination | einfarbige, glatte Glasur |
| Größe | große Bodenvase | kleine Vase aus großer Serie |
| Zustand | ohne Abplatzer, Risse und Klebestellen | bestoßener Rand, Haarriss, Restaurierung |
| Zuordnung | Hersteller durch Etikett oder Fachliteratur sicher belegt | Hersteller unklar |
| Entwurf | bekannte Form oder namentlich bekannter Designer | Allerweltsform |
| Nachfrage | gerade gefragte Farben und Formen | Farben, die wenig gesucht werden |
Für eine realistische Einschätzung zählen tatsächlich verkaufte Stücke mit gleicher Bodennummer, gleicher Glasur und ähnlichem Zustand – nicht die Preise laufender Angebote. Bei großen Sammlungen lohnt die Anfrage bei einem Auktionshaus mit Schwerpunkt Design oder Keramik. Allgemeine Tipps zum Kaufen und Verkaufen gibt der Ratgeber Sammelporzellan.
Fat Lava pflegen und in Szene setzen
- Staub aus der Lavastruktur mit einem weichen Pinsel entfernen, danach feucht abwischen.
- Nicht in die Spülmaschine: Hitze und Reiniger greifen alte Glasuren und Etikettreste an.
- Vor der ersten Blumenfüllung die Dichtheit prüfen: Wasser einfüllen und die Vase eine Nacht auf ein Küchentuch stellen.
- Bei Haarrissen oder unglasiertem Inneren ein Glas oder eine Kunststoffhülse als Einsatz verwenden.
- Bodenvasen auf Filzgleiter stellen, damit der unglasierte Boden keine Kratzer im Parkett hinterlässt.
Fat-Lava-Vasen wirken am stärksten in Gruppen: drei bis fünf Stücke in abgestimmten Farben, unterschiedlich hoch, vor einer ruhigen Wand. Kombiniert mit schlichten, einfarbigen Gefäßen bleibt der Raum ruhig. Ideen für Blumen und Arrangements finden Sie im Ratgeber Vasen dekorieren.
Wer den kräftigen Glasurcharakter mag, aber eine Vase für den täglichen Strauß sucht: Unsere Vasen aus gesprenkeltem Steinzeug sind von Hand glasiert, jedes Stück hat seinen eigenen Glasurverlauf – etwa die Flaschenvase 25 cm in Rostbraun oder die Kugelvase 18 cm.
Häufige Fragen
Was bedeutet Fat Lava?
Fat Lava bedeutet wörtlich „fette Lava“ und bezeichnet dicke, reliefartige Glasuren mit lavaähnlicher Oberfläche. Im Sammlermarkt steht der Begriff meist für westdeutsche Zierkeramik von 1949 bis 1990.
Was bedeutet „W. Germany“ auf dem Boden?
„W. Germany“ steht für West Germany, also die Bundesrepublik Deutschland vor der Wiedervereinigung. Ein Stück mit dieser Marke ist zwischen 1949 und 1990 entstanden.
Wie erkenne ich Scheurich Keramik?
Am Papieretikett, falls erhalten, sonst an der Bodenmarke mit „W. Germany“, Formnummer und Höhe, zum Beispiel 242-22. Form und Glasur vergleichen Sie anschließend mit Abbildungen in der Fachliteratur.
Was ist eine Bay Keramik Vase wert?
Das hängt von Form, Glasur, Größe und Zustand ab. Gängige Serienvasen sind oft günstig zu haben; große Bodenvasen und gesuchte Glasuren erzielen mehr. Maßgeblich sind verkaufte Vergleichsstücke mit gleicher Bodennummer.
Was ist Jasba Keramik wert?
Wie bei allen westdeutschen Vasen bestimmen Glasur, Größe, Zustand und Nachfrage den Preis. Prüfen Sie abgeschlossene Verkäufe mit gleicher Form und Glasur, bevor Sie einen Preis ansetzen.
Sind Fat-Lava-Vasen wasserdicht?
Nicht immer. Manche sind innen nur teilweise glasiert, andere haben Haarrisse. Testen Sie die Vase über Nacht mit Wasser auf einem Küchentuch oder stellen Sie ein Glas als Einsatz hinein.
Gibt es Fat Lava auch aus der DDR?
Ja, auch in der DDR entstand Zierkeramik mit kräftigen Glasuren, etwa bei VEB Haldensleben und in Strehla. Diese Stücke tragen keine „W. Germany“-Marke.
Wer hat den Begriff Fat Lava bekannt gemacht?
Vor allem die Ausstellung „Fat Lava: West German Ceramics of the 60s & 70s“, die Graham Cooley 2006 in Großbritannien zeigte, und das gleichnamige Buch von Mark Hill. Händler verwendeten den Begriff schon vorher.







